Mag. med. vet Jan-Dirk Nitzel - Spezialist für die Zahnbehandlung von Pferden

Die moderne Zahnbehandlung beim Pferd

Ich war zu Gast beim Pferdegewieher-Podcast, um über die moderne Zahnbehandlung beim Pferd zu sprechen.

 Hier kannst du den Podcast direkt anhören!

Wenn du die Informationen lieber lesen möchtest, habe ich sie dir auf dieser Seite zusammengefasst!

Ich habe mich auf Pferdezähne spezialisiert, weil es sich bei Pferdezähnen um ein sehr wichtiges und oft unterschätztes Thema handelt. Probleme mit Zähnen bleiben bei Pferden oft lange unerkannt. Außerdem ziehen sie sich durch den ganzen Körper, denn die Verdauung beginnt bei den Zähnen und auch Rittigkeitsprobleme können durch Zahnprobleme beim Pferd entstehen.

Was sind eigentlich Haken?

Kanten werden häufig fälschlicherweise als Haken betitelt. Ein Haken entsteht auf dem vorderen oder dem letzten Backenzahn. Die seitlichen Kanten sind eigentlich nur scharfe Kanten. Bei einer Zahnbehandlung bei Pferden wäre es ideal, nur solche Kanten zu finden. Häufig findet man jedoch andere Befunde, wie z. B. Stufen auf den Kauflächen, sogenannte Rampen oder Wellen. Diese Befunde beeinflussen natürlich das Kauverhalten der Pferde. In diesen Fällen kann man als Pferdebesitzer meist keine Veränderungen feststellen und das Pferd nimmt dadurch nicht ab, da es selbst schon eine Alternative gefunden hat, wie es sein Futter zerkleinern kann. So schleichen sich dann kleine Probleme ein, die immer schlimmer werden. Diese gehen dann so weit, dass das Pferd sie nicht mehr kompensieren kann und Futter ausspuckt.

Zeigt ein Pferd mit Zahnproblemen Schmerzen?

Da Pferde Fluchttiere sind, zeigen sie im Maulbereich so gut wie keine Schmerzen. Daher ist eine regelmäßige Zahnbehandlung sehr wichtig. Die Empfehlung lautet hier einmal jährlich bei erwachsenen Pferden, bei Jungpferden, bis der Zahnwechsel abgeschlossen ist, jedes halbe Jahr. Auch bei älteren Pferden sollten die Zähne halbjährlich kontrolliert werden, wenn Probleme vorhanden sind oder vielleicht schon ein Zahn fehlt.

Warum treten Zahnprobleme bei Pferden auf?

Zunächst müssen wir bedenken, dass ein Pferd in seiner ursprünglichen Form ein Steppentier ist und harte, strukturreiche Fasern zu sich nimmt. Wenn man sich dann die heutige Fütterung ansieht, kann man schon einen sehr großen Unterschied dazu feststellen. D. h. wiederum, dass Pferde, die strukturreich gefüttert werden, meistens bessere Zahnbefunde haben. Bei diesen Pferden passiert eine wesentlich gleichmäßigere Abnutzung als bei Pferden, bei denen ein großes Maß an Kraftfutter hinzugefüttert wird. Bei Renn- oder Sportpferden z. B., die kiloweise Kraftfutter bekommen, sieht man oft am Zahnabrieb bereits, dass sich dieser deutlich von Pferden unterscheidet, die raufutterlastig gefüttert werden.

Kann eine Fütterung mit Heunetzen zu Zahnproblemen beim Pferd führen?

Eine Fütterung mit Heunetzen kann zu deutlich abgenutzteren oder sogar abgebrochenen Schneidezähnen führen. Hier ist auf die Qualität der Heunetze zu achten. Es gibt hochwertige Netze, die nur sehr wenig auf die Schneidezähne einwirken. Minderwertigere Heunetze wirken abrasiv und können wirklich massive Schäden an den Schneidezähnen verursachen. Hierbei gilt es zu bedenken, dass nicht nur die Zähne selbst geschädigt werden, sondern auch die gesamte Kauphysiologie und das Kauverhalten verändert wird. Das Pferd ist dafür gemacht, das Gras vom Boden abzureißen, dabei den Kopf zu senken und dann wieder aufzuschauen, um das Gras durchzukauen. Bei Heunetzen ist der Kopf jedoch immer oben, da es ja auf einer gewissen Höhe aufgehängt wird. Dies kann ebenso zu Abnutzungsproblemen, bzw. einen Fehlabrieb bei den Zähnen führen, da sich das Kauverhalten des Pferdes geändert hat.

Wie sollte man füttern, um die natürliche Kauphysiologie des Pferd zu erhalten?

Unabhängig von Erkrankungen, bei denen es durchaus sinnvoll ist, ein Pferd weiter oben oder unten zu füttern, sollte es der ursprünglichen Form nach gefüttert werden. Punkt Nummer eins ist die Fütterung vom Boden. Man sollte außerdem auf eine ausreichende Menge an Raufutter achten. Zusätzlich sollte man aber auch andere Probleme wie EMS im Hinterkopf behalten. 24 Stunden Heu kling zwar super, aber als Tierarzt sieht man oft viele zu dicke Pferde, was zu den besagten Problemen führen kann. Daher sollte man das Ganze ein wenig in Relation sehen.

Wann ist eine Zahnkontrolle beim Pferd angewiesen?

Beginnen wir mit einem Jungpferd. Dieses sollte sich an die Trense und an das Gebiss gewöhnen und sich unter dem Reiter entspannen können. Bei diesen Pferden ist es sinnvoll, die Zähne zu kontrollieren, bevor sie an das Gebiss gewöhnt werden und bevor man anfängt, mit ihnen zu arbeiten. Diese Kontrolle sollte von einem gut ausgebildeten Tierarzt, der sich gut mit den Zähnen von Jungpferden auskennt, durchgeführt werden. Man sollte evtl. Wolfszähne und Milchkappen, die bei Pferden in diesem Alter festhängen, und gleichzeitig auch die scharfen Kanten entfernen. Dies ist notwendig, sodass dem Pferd durch das Gebiss, an dem es eigentlich Freude haben sollte, keine Schmerzen verursacht werden.

So können wir dem jungen Pferd deutlich helfen und auch für die Zukunft etwas Gutes tun. Wenn wir Milchzähne haben, die evtl. festhängen und der bleibende Zahn sich darunter seinen Weg sucht, kann dieser dadurch vielleicht verkippen. Das heißt wiederum, dass sich Lücken bilden können, in denen sich das ganze Leben lang Heu festsetzen kann. Somit kann das Risiko auf spätere Paradontosen schon in frühen Jahren eliminiert werden.

Bei älteren Pferden von ca. 5-18 Jahren reicht der Routineintervall von einem Jahr aus, es sei denn, es sind Probleme vorhanden. Wie beim Menschen auch, sind Zahnprobleme wie Wackelzähne bei älteren Pferden natürlich häufiger, daher wäre es sinnvoll die Intervalle zu verkürzen.

Welche Symptome kann bei Pferden mit Zahnproblemen erkennen?
  • Ein Pferd, das auf einmal bösartig wird
  • Ein schmerzverzerrtes Gesicht
  • Eine gespannte Maulmuskulatur
  • Pferde, die viel Heu ins Maul nehmen und während der Fütterungszeit oft zur Tränke gehen

Wenn das Pferd sein Heu die ganze Zeit im Wasser einweicht, könnte dies darauf hinweisen, dass es Zahnprobleme hat. Diese Symptome kann man auch als Besitzer selbst beobachten.

Doch auch Pferde, die sich nicht geradestellen lassen oder zügellahm sind können unter Zahnproblemen leiden.

Auch Rückenprobleme oder Verspannungen im Unterkiefer können ihre Ursache bei den Zähnen haben. Oft kann hier eine gute Zahnbehandlung die Probleme lösen.

Sollte man die Lage des Gebisses im Maul während der Zahnbehandlung kontrollieren, um Zahnprobleme beim Pferd zu verhindern?

Dies ist etwas, was ich sehr oft mache. Man sollte das Gebiss aber nicht nur kontrollieren, wenn das Pferd sediert ist, sondern auch beim Reiten. Der Vorteil, die Passform bei einem sedierten Pferd zu kontrollieren, liegt darin, dass sich auch der Besitzer ein Bild machen kann und man das Ganze in Ruhe anschauen kann.

Grundsätzlich müssen wir zunächst sehen, wie groß das Maul ist und wieviel Platz wir überhaupt haben. Auch die Wölbung des Gaumendachs müssen wir beachten. Außerdem werden die ersten Zähne sowie die Beschaffenheit des Unterkiefers und der Laden betrachtet.

Die Aussage „ein dickes Gebiss ist weich und ein dünnes Gebiss ist immer scharf” hat jedoch keine Berechtigung. Es kommt darauf an, wieviel Platz das Pferd im Maul hat. Wenn ein dickes Gebiss oben gegen den Gaumen drückt, wenn man die Zügel anzieht, ist dies auf keinen Fall ein weiches Gebiss, sondern es tut dem Pferd weh. Wenn man diesem Pferd nun ein Gebiss einlegt, das besser passt, wird es die Hilfen besser annehmen.

Der Ablauf einer Zahnbehandlung beim Pferd

Zunächst bespricht man in einem Vorgespräch einige Dinge wie das Alter des Pferdes, wie es gearbeitet wird, ob Probleme bekannt sind, schon einmal eine Zahnbehandlung durchgeführt wurde, es sich im Genick verwirft, nicht auf Hilfen reagiert usw. Man sieht sich auch das Kauverhalten des Pferdes an. Beim Kauverhalten kann man schon Auffälligkeiten wie ein einseitiges Kauen erkennen.

Danach wird das Pferd vor der Behandlung untersucht. Der Herz-Kreislauf-Zustand wird kontrolliert und auch der Kiefer von außen in noch unsediertem Zustand untersucht. Auch die Kiefermuskulatur und das Kiefergelenk werden abgetastet, die Lymphknoten kontrolliert usw. Hier können bereits vor der eigentlichen Zahnbehandlung Probleme erkannt werden.

Nun folgt die Sedierung und die damit verbundene Aufklärung der Besitzer bezüglich der Wartezeiten für eventuelle Turnierstarts.

Jetzt beginnt die eigentliche Behandlung mit der Kontrolle des Kiefers und der Stellung der Zähne. Zudem werden die Schneidezahnwinkelung und die Maulhöhle auf mögliche Schwellungen und Entzündungen untersucht.

Jetzt erst kommt das Maulgatter zum Einsatz, um gefahrlos arbeiten zu können. Außerdem wird das Maul des Pferdes ausgespült, sodass der Tierarzt besser sehen kann. Danach sieht er sich mit einem Dentalspiegel alle Zähne genau an.

Bei der Behandlung selbst werden zunächst die scharfen Kanten abgeschliffen. Die Kanten entstehen dadurch, dass das Pferd nicht seine gesamte Kaufläche nutzt. Danach wird die Kaufläche korrigiert, d. h. eventuellen Stufen und Rampen entfernt. Die Schneidezähne werden in diesem Zuge ebenfalls korrigiert bzw. gekürzt.

Wichtig ist es natürlich, nach der Behandlung den Kiefer, auch ohne Maulgatter, zu kontrollieren.

Was sind die häufigsten Erkrankungen im Maul des Pferdes?

Weit verbreitet ist bei Pferden das Diastem. Dabei handelt es sich um futtergefüllte Zahnlücken, die z. B. durch Wellen im Gebiss verursacht werden und bis zu einem vereiterten Zahn führen können.

Auch gebrochene oder gesplitterte Zähne sind bei Pferden oft zu finden. Immer wird leider auch EOTRH an Schneidezähnen diagnostiziert

Was ist eigentlich EOTRH bei Pferden?

Dies ist eine Erkrankung, die eher bei älteren Pferden auftritt. Es kommt hier zunächst zu einer Auflösung der Zähne, dann zu einer Zubildung an der Zahnwurzel. Pferde leiden bei dieser Erkrankung an starken Schmerzen und es dauert leider oft recht lange, bis sie überhaupt erkannt wird. Sollte sie früh genug erkannt werden, kann man sie durch eine regelmäßige Zahnbehandlung noch gut beeinflussen. Hier muss eine deutliche Entlastung der Schneidezähne bewirkt werden.

Bildlich gesprochen wird eine Zahnwurzel bei dieser Krankheit immer dicker und drückt gegen den Knochen. Dies verursacht einen unglaublichen Druckschmerz auf die Zähne.

Typische Symptome sind, dass das Pferd schlecht frisst, das Gebiss nur noch schlecht annimmt und dabei aggressiv wird oder gegen den Zügel zieht.

Sollte die Krankheit weit fortgeschritten sein, bleibt meist nur noch die Möglichkeit einer Extraktion der Zähne. Das Entfernen der Schneidezähne ist oft abschreckend für die Besitzer, doch nach einer Extraktion verbessert sich das Verhalten des Pferdes auf allen Ebenen. Es frisst besser, ist weniger aggressiv usw. Vor allem leidet es nicht mehr an den starken Schmerzen, die durch EOTRH verursacht werden.

Es stellt sich natürlich die Frage, wie das Pferd frisst, wenn die Schneidezähne entfernt wurden. Pferde kommen damit eigentlich sehr gut klar. Sie haben durch die Schmerzen vielleicht bereits vor der Extraktion gelernt, das Gras mit ihren Lippen zu rupfen, ansonsten lernen sie es sehr schnell.